Burgerliche Namen und was sie bedeuten

Familiennamen sind im 9./10. Jahrhundert in Südeuropa entstanden. Bis dahin genügte zur Identifikation der Tauf- oder Rufname. Mit wachsender Bevölkerung mussten die vielen Personen gleichen Namens eindeutiger unterschieden werden können. Dies geschah zuerst durch Zusätze und noch wechselnde Beinamen, die dann an die nächste Generation weitergegeben und so zu fixen Familiennamen wurden.

Nördlich der Alpen sind Familiennamen spätestens ab etwa 1300 gebräuchlich, vorerst in den grösseren Orten und beim Adel sowie dem städtischen Patriziat. Um 1500 schliesslich sind Familiennamen in der Gesamtbevölkerung und flächendeckend etabliert: Der Name als solcher war festgelegt und in direkter Linie vererbbar, immer wie ein Mundartwort gesprochen (alle Schnider, Schnyder, Schneider mit langem ī).

Familiennamen sind durchaus bewusst vergeben worden, stets auf der Grundlage der lokalen Mundart des Hoch- und Spätmittelalters und vor dem Hintergrund der damaligen soziokulturellen Verhältnisse. Spätere Einflüsse sind in den Namen nicht mehr berücksichtigt

Bei der Deutung von Familiennamen unterscheidet man die folgenden Typen.

Fünf Namentypen

  • Rufnamen: Benennung nach Vater-, seltener Mutternamen, z.B. Friedrich, Annen
  • Herkunftsnamen: Zugezogene nach ihrer ­Herkunft, z.B. von Siebenthal, Basler
  • Wohnstättennamen: Einheimische nach ihrem Wohnort, z.B. Imhof, Wegmann
  • Berufsnamen: nach Tätigkeit, Amt, gesellschaftlicher Stellung, z.B. Bauer, Müller, Vogt
  • (Berufs-)Übernamen: nach körperlicher, charakterlicher, biographischer Eigenheit oder beruf­licher Tätigkeit, z.B. Schön, Hässig oder Hammer.

Man kann Familiennamen in der Regel deuten und sie dem zugrunde liegenden Ruf- oder Ortsnamen (Typen 1 bis 3) oder Gattungswort (Typen 4 und 5) zuordnen. Verliehen worden ist der Name dem ersten Träger aufgrund eines besonderen Merkmals – und wie der Wegmann heute nicht mehr zwingend an einem Weg wohnt und der Vogt kein höheres Amt innehat, so kann auch der Hässig ein fröhlicher Mensch sein.

 

Namendeutungen

Im Auftrag der Burgergemeinde deutet Dr. Andreas Burri einige Burgerliche Namen.
 

Trechsel ist ein Berufsname (Typus 4). Ihm liegt ahd. drāhsil, mhd. drǟhsel, drehsel m. zugrunde in der Bed.«Drechsler, Handwerker, der Möbel, Gebrauchs- und Kunstgegenstände vornehmlich aus Holz, Horn, auch etwa aus Messing mittels Drehbank und Schneidewerkzeugen herstellt». Ahd. drāhsil ist gebildet zu einem germ. Verb mit der Bed. «drehen» und mit der den Träger der Verbhandlung fassenden Silbe germ. *-ila, ahd. –il, mhd. –el (vergleichbar ist etwa Weibel). Die Trechsel sind wohl von Thun (Trächsel) zugezogen; die Schreibung wechselt, wie auch andernorts im nie sehr häufigen Familiennamen, gelegentlich mit –ä-.

Bürgerrecht seit 1448

 

Stähli gehört zum Typus 5 Berufsüber­name (= indirekter Berufsname). Sd. Sta(c)hel m., mhd. stahel, stāl, ahd. stahal m./n. meint «schmiedbares Eisen» und ist auch Name von Geräten oder Waffen. Wer Stahl bearbeitet, der Stahlschmied, kann den Namen Stahl erhalten; mit der Verkleinerungssilbe –li, die auch den Wandel von a zu ä bewirkt, dürfte sein Sohn bezeichnet worden sein: Stähli «Nachkomme des Stahl genannten Schmieds». Stähli ist neben nahverwandten Stachel, Stä(c)helin, Steh(e)li usw. nur einer der vielen das stark differenzierte Schmiedehandwerk spiegelnden Familiennamen wie Nagel, Harnisch oder Isenschmid.

Bürgerrecht seit 1480

 

Schnell (mit –ä- gesprochen) ist leicht als Übername (Typus 5) zu identifizieren, hat doch der erste Träger des Namens diesen aufgrund von körperlicher oder geistiger Stärke und Behendigkeit bekommen. Der Name lässt sich nämlich auf sd. schnëll «kräftig, stark; schnell, rasch; scharfsinnig, eifrig, bereitwillig» und – schon mit ganz ähnlichen Bedeutungsaspekten – ahd. und mhd. snël zurückführen. Schnell ist ein ausschliesslich positive Eigenschaften fassender Übername, einzig im sd. Nebensinn «schlau» klingt vielleicht leise auch eine kleine Schwäche des ersten Namen­trägers an.

Bürgerrecht seit 1483

Abkürzungen

sd. = schweizerdeutsch / germ. = germanisch / mhd. = mittelhochdeutsch / ahd. = althochdeutsch
lat. = lateinisch / Bed. = Bedeutung / m.-f.-n. = maskulin - feminin - neutral / * = erschlossene, so nicht belegte Form