Burger Journal 13 - April 2025

«Wenn es stark windet, dann hat der Förster generell keine Freude. Und wer mit Herz und Seele für den Wald lebt, den zieht ein Sturmereignis wie der Orkan Lothar schon runter.» Die Natur sei eben mächtiger als jeder Forstmann. «Es ist ein traumatisches Erlebnis, das nicht spurlos an einem vorbeizieht.» Denn der Burgerwald zeigte ein Bild der Zerstörung: Umgeworfene Stämme, entwurzelte Tannen, zerborstene Kronen, ein verwüsteter Waldboden. Bäume aller Arten und Altersklassen waren betroffen. Mit dem geworfenen Holz hätte man rund 650 Einfamilienhäuser bauen und während zwei Jahren beheizen können. Insgesamt richtete Lothar in der Schweiz Schäden in Höhe von 1,35 Milliarden Franken an. Der Kanton Bern war besonders betroffen, mit mehr als 400 Millionen Franken an Sach- und Forstschäden. Allein im Emmental wurden unzählige Hektaren Wald in wenigen Stunden zerstört. Rund 12,7 Millionen Kubikmeter Sturmholz fielen schweizweit an. Vieles davon war in Sägereien kaum verwertbar. Auch der Burgerwald musste in den Folgemonaten grossflächig geräumt werden, um einer Borkenkäferplage und einem für Fichten besonders gefürchteten Befall durch den «Buchdrucker» vorzubeugen. Auf diese Weise wollte man nachträgliche Schäden am Waldbestand eindämmen. Zudem können Stämme, Äste und Wurzelstöcke Bachläufe verstopfen und so bei Hochwasser Schaden anrichten. Steile Flächen mit geworfenen Bäumen können bei starken Niederschlägen erodieren. CHANCEN NACH DEM STURM Ein Vierteljahrhundert später ist Lothar in den Burgdorfer Wäldern noch immer sichtbar und ein Gesprächsthema – auch für Simon Rieben, dem heutigen Revierförster und Leiter des Forstbetriebs der Burgergemeinde Burgdorf. «Die Auswirkungen des Sturms sind bis heute spürbar», sagt er. Lieber hätte man selektiv geerntet und mit kleinem Aufwand gezielt verjüngt. «Aber so ein Sturm bietet auch Chancen», so Simon Rieben. Ein Rundgang vor Ort offenbart heute, dass die offenen Waldflächen Raum für neues Leben gaben: Lichtlücken entstanden, Jungpflanzen erhielten Platz und andere Baumarten eine Chance, sich auf den freiliegenden Feldern zu etablieren. Nach dem anspruchsvollen und auch mit Gefahren verbundenen Räumen des Sturmholzes haben die Forstwarte Tausende von Arbeitsstunden damit verbracht, Jungpflanzen gegen die wuchernden Brombeeren freizumähen. Wie in vielen Regionen, wurde auch in den Wäldern der Burgergemeinde eine Art Paradigmenwechsel eingeläutet: Man liess vermehrt Baumstämme stehen, statt alles aufzuräumen. Das hatte ökologische Folgen: Beispielsweise nahm die Spechtpopulation in den Jahren nach Lothar schweizweit zu – totes Holz wurde zu wertvollem Lebensraum. Diese Entwicklung ist im Burgerwald ebenfalls spürbar. EINE ERINNERUNG, DIE BLEIBT Wenn starker Wind über die Emmentaler Hügel streicht, erinnert sich manch einer noch heute an jenen Wintermorgen, an dem der Wald fiel. Denn Lothar war für viele Burgdorferinnen und Burgdorfer mehr als nur ein Sturmtief. Es war ein Tag, an dem die Natur ihre ganze Kraft offenbarte – und an dem die Menschen spürten, wie zerbrechlich selbst scheinbar fest Verwurzeltes ist. Auch der heute 84-jährige Franz Peyer bleibt dieser Tag nach Weihnachten im Gedächtnis: «Der Wald hat sich heute weitgehend erholt. Aber wer das miterlebt hat, vergisst es nicht mehr.» Franz Peyer auf dem Schneitenberg. Wo er heute durch aufstrebenden Jungwald schreitet… …sah er vor einem Vierteljahrhundert nur gebrochene Stämme, entwurzelte Bäume und Zerstörung.

RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc3MzQ=