Burger Journal 03 - April 2020
Bei der Deutung von Familien namen unterscheidet man fol gende Typen: 1. Rufnamen : Benennung nach Vater-, seltener Mutter namen, z.B. Friedrich, Annen 2. Herkunftsnamen : Zugezo gene nach ihrer Herkunft, z.B. von Siebenthal, Basler 3. Wohnstättennamen : Einhei mische nach ihrem Wohnort, z.B. Imhof, Wegmann 4. Berufsnamen : nach Tätig keit, Amt, gesellschaftlicher Stellung, z.B. Bauer, Müller, Vogt 5. (Berufs-)Übernamen : nach körperlicher, charakterli cher, biographischer Eigen heit oder beruflicher Tätig keit, z.B. Schön, Hässig oder Hammer. Man kann Familiennamen in der Regel deuten und sie dem zugrunde liegenden Ruf- oder Ortsnamen (Typen 1 bis 3) oder Gattungswort (Typen 4 und 5) zuordnen. Verliehen worden ist der Name dem ersten Träger aufgrund eines besonderen Merkmals. Lyoth Nur das Wissen darum, dass der 1537 ins Bürgerrecht aufgenommene Jakob Lyoth aus dem Zenden Siders VS stammte, führt auf eine mögliche Spur, den Namen Lyoth zu deuten. In Grône, dicht an der heutigen Sprachgrenze und Siders unmit- telbar benachbart, war der Name in den Varianten Liodi, Lyod, Liodt und Lyoud verbürgt, beruhend auf älterem Liaudet. Diesem liegt wahrscheinlich ein altdeut- scher Rufname mit Liut- (heute Leute, zu ahd. liut «Volk») im Vorderglied zugrun- de, etwa Liut[hard] (zu ahd. hart «stark») oder Liut[wald] (zu ahd. waltan «herr- schen»). Der deutsche Rufname wurde in romanischem Mund zu Liaudet, zu dem obige Laut- oder Schreibvarianten gut passen. Grimm Für Grimm kommen zwei gleichberech- tigte Deutungen in Frage. Zum Namen- typ 1 (der Familienname geht auf einen Rufnamen zurück, meist auf den Namen des Vaters) gehört die erste, die auf die Kurzform Grimo eines ahd. Rufnamens wie Grim[wald] oder Grim[bert] rekur- riert, gebildet mit dem längst unter gegangenen Namenwort grīm (germ. grīm-an- «Maske, Helm»). Grimm könnte aber ebenso gut Übername (Typus 5) zu sd. grimm, mhd. grim(me) «unfreundlich, grimmig, heftig, wild» sein; die erste so benannte Person wäre dann wohl von aufbrausendem, zum Zorn neigendem, vielleicht auch etwas bösartigem Natu- rell gewesen. Schönberger Schönberger ist ein mit -er gebildeter Herkunfts- (Typus 2) oder Wohnstätten- name (Typus 3) für jemanden, der von Schönberg zugezogen oder auf Schön- berg wohnhaft ist. Welcher Ort Schön- berg Ausgangspunkt ist, bleibt offen; von den im Bernbiet verbürgten Orten Schönberg kommt keiner in Frage, alle sind zu jung. Problemlos ist hingegen die sprachliche Deutung: Schönberg ist leicht als Zusammensetzung von sd. schȫn, mhd. schœn(e) «schön im Sinne von gut gelegen = sonnseitig, gut zu bewirtschaften, ertragreich» und sd. Bërg m., mhd. bërc in der Bed. «kleinere oder grössere Geländeerhebung, Hügel- zug, Halde» zu erkennen. Dür(r) Das Adjektiv sd. dür(r), mhd. dürre, das im Wesentlichen wie im Neuhochdeut- schen «dürr, ge-, vertrocknet» meint, dürfte dem Namen Dür (als Schreibvari- ante auch Dürr) zugrunde liegen, und zwar in der speziellen, sich auf Körper und Gestalten beziehenden Bed. «sehr mager». Der erste Dür muss also eine ha- gere Person gewesen sein, und dieses körperliche Merkmal konnte leicht das Motiv für einen Übernamen abgeben. Weniger wahrscheinlich ist die Namenge- bung als sogenannter Wohnstättenname nach einem Hof- oder Flurnamen Dürr (letztlich zu demselben Adj. dürr gebildet) mit der ursprünglichen Bed. «wer auf dem Hof Dürr wohnt». Abkürzungen: sd. = schweizerdeutsch / germ. = germanisch / mhd. = mittelhochdeutsch / ahd. = althochdeutsch lat. = lateinisch / Bed. = Bedeutung / m.-f.-n. = maskulin - feminin - neutral / * = erschlossene, so nicht belegte Form Serie: Burgerliche Namen MIT EINER FORTLAUFENDEN SERIE ERLÄUTERN WIR DIE BEDEUTUNG DER NAMEN VON BURGERN IN DER CHRONOLOGISCHEN REIHENFOLGE IHRER AUFNAHME IN DIE BURGERGEMEINDE. IN DIESER AUSGABE WERDEN DIE NAMEN DÜR(R) (1535), LYOTH (1537), GRIMM (1546) UND SCHÖNBERGER (1555) GEDEUTET.
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