Burger Journal 06 - Oktober 2021

schlafstelle sozusagen inklusive «Bettlerchuchi», die ihren Höhepunkt wohl in der Errichtung von Felswoh­ nungen erlebte. Hier wohnten, am Eingang zu den mittlerweile in Betrieb genommenen Steinbrüchen, Familien in schwierigsten Verhältnissen, weit ab von den Annehmlichkeiten, die das städtische Leben hät­ te bieten können. Die letzten Bewohner sah das Fel­ senhaus 1937. Danach wurde es abgerissen. Errichtet wurden diese Wohnungen vermutlich in Zu­ sammenhang mit den Steinbrüchen, die besonders ab dem 18. Jahrhundert zur Gewinnung von Sandstein als Baumaterial in die Gisnauflüe gehauen wurden. DIE SANDSTEINBRÜCHE BOTEN BAUMATERIAL FÜR DIE STADT Es ist bekannt, dass Sandstein aus unserer Gegend bereits im 14. Jahrhundert mit Flossen Richtung So­ lothurn transportiert wurde. Doch in grösserem Stil wurde Burgdorfer Sandstein von den Gisnauflüen erst in späteren Jahrhunderten abgebaut. Dies bele­ gen alte Pläne aber auch Steinbrecher-Inschriften, die in den Fels gehauen wurden. Anlass für eine intensivere Nutzung der Gisnauflüe war die Feuersbrunst, die im August 1715 weite Teile der Burgdorfer Unterstadt zerstörte. Das vermutlich durch ein «Kerzenstümpchen» in Hafner Gammeters Haus ausgelöste Feuer erfasste mehr als 50 Wohn­ häuser, zahlreiche Scheunen und Ställe. Neues Bau­ material war gefragt, und so legte man mehrere Steinbrüche in der 1. und 2. Flue an. In der Folge ge­ langte Sandstein von den Flüen in zahlreichen städti­ schen und privaten Bauten zum Einsatz. So wurde zum Beispiel das Stadthaus in den 1740er Jahren da­ mit erbaut oder um 1830 die Staldenkorrektion, mit der die Durchfahrt durch die Stadt massiv erleichtert wurde, realisiert. Überhaupt war die anhaltend starke bauliche Tätig­ keit im wachsenden Burgdorf in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verantwortlich für die intensive Abbautätigkeit. Zu Spitzenzeiten der Nutzung waren in den Burgdorfer Sandsteingruben wohl etwa 70 Arbeiter beschäftigt. Unter der Aufsicht von Archi­ tekt und Stadtbaumeister Robert Roller wurde der Abbau vorangetrieben. Und auch beim Wiederaufbau nach dem verheeren­ den Stadtbrand von 1865 fand Burgdorfer Sandstein reichlich Verwendung. Allerdings musste dafür zu­ sätzlich Baumaterial aus den umliegenden Stein­ brüchen in Oberburg und Krauchthal dazu bezogen werden. Lithografie von Johann Friedrich Wagner um 1846. (Bild: Burgerarchiv Burgdorf)

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