Burger Journal 02 - September 2019

muss der Innenausbau weit weniger professionell vonstattengegangen sein. Dafür sprechen die teilweise nicht nachvollziehbaren architektonischen und hand­ werklichen Spuren, welche die Archäologen vermuten lassen, dass die Aussätzigen selbst den Innenausbau und die Raumaufteilung fertigstellen mussten. Im Prinzip wurden einfach grobe hölzerne Kammern und Stuben wie Kisten in den Bau hineingezimmert. Dank diesem Vorgehen blieb aber die sandsteinerne Hülle des Gebäudes weitgehend unversehrt. Und anhand der noch sichtbaren Anschlüsse der Kisten an die Mauer lässt sich die damalige Raumaufteilung recht präzise nachvollziehen. Allerdings muss man berück­ sichtigen, dass im Lauf der Zeit auch immer wieder Änderungen an der Raumaufteilung vollzogen wur­ den. So ist beispielsweise bekannt, dass für vermö­ gende Lepröse offenbar schon bald die Möglichkeit bestand, grosszügigeren Wohnraum zu beanspru­ chen. Sie erkauften sich sogenannte «Pfründnerstu­ ben», die vielleicht sogar eine eigene Wohnung mit Kammer und Stube umfasste. Diese Praktik läutete wohl auch den Wandel der Nutzung des Siechenhau­ ses ein. SPÄTERE NUTZUNGEN Mit dem allmählichen Verschwinden der Lepra wurde das Leprosorium schrittweise ein normales, vormo­ dernes Spital für die Armen, Alten und Kranken. Dies blieb es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. 1798 wurden die letzten Insassen ins städtische «Nieder­ spital» (das ehemalige Schlachthaus und heutige Mu­ seum Bernhard Luginbühl) verlegt und das Siechen­ haus geschlossen. Danach wurde das Gebäude praktisch ausgehöhlt und fortan als «Remise» für landwirtschaftliche Geräte genutzt. DAS ENGAGEMENT DER BURGER- GEMEINDE Das Siechenhaus ist ein schweizweit einzigartiges Ob­ jekt, weil die mittelalterlichen Baustrukturen der ur­ sprünglichen Nutzung über die Jahrhunderte erhalten werden konnten. Seit dem frühen 20. Jahrhundert, mit dem Kauf durch die Burgergemeinde 1925, steht es als Denkmal unter dem Schutz der Eidgenossen­ schaft. Zuvor befand sich das Siechenhaus bereits seit 1854 in Privatbesitz und war in baufälligem Zustand. Die letzten hölzernen Kammern vor deren Abbruch. Fotografiert von Louis Bechstein, 1905 Der drohende Abbruch veranlasste damals die Burger, das Gebäude zu kaufen und seither als historisches, kulturelles Erbe zu pflegen. Die gleichzeitige umfas­ sende Renovation, welche von Bund, Kanton und Ge­ meinde mitgetragen wurde, stellte einen Zustand für eine angemessene Nutzung unter den Bedingungen des Denkmalschutzes sicher. Die Burgergemeinde stellte das Siechenhaus ab Mitte des 20. Jahrhunderts der Pfadi als Übungsraum und Treffpunkt zur Verfügung. Im Zuge der umfassenden Sanierungen in den 1990er Jahren führte der archäo­ logische Dienst des Kantons Bern systematische Un­ tersuchungen an Mauern und im Boden durch. Den Resultaten dieser Untersuchungen und den histori­ schen Dokumenten, die im Burgerarchiv immer noch erhalten sind, ist es zu verdanken, dass die Geschichte des Siechenhauses und der dazugehörigen Kapelle so gut dokumentiert ist. Nach Abschluss der Sanierungen von 1996 konnte das Siechenhaus ab 1998 als Festraum gemietet werden. Und dies mit grossem Erfolg. Rund 70 Vermietungen waren in jüngster Vergangenheit jährlich zu verzeich­ nen. Mit dieser sanften Nutzung und der soeben ab­ geschlossenen Aufwertung, die den Innenraum wei­ terhin offenlässt, wird sowohl dem Kulturgüterschutz als auch der öffentlichen Zugänglichkeit Rechnung getragen. Und genau dies ist die Absicht hinter dem Engagement der Burgdorfer Burgergemeinde.

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