SIND BURGERGEMEINDEN EIN AUSLAUFMODELL? Burger Journal: Was entgegnet ihr jenen Leuten, die die Burgergemeinden als überholtes Relikt und Symbol sozialer Ungleichheit betrachten? Stefan Liechti: Man muss sich vor Augen führen, dass das Burgerrecht den Burgdorfer Burgerinnen und Burgern keine finanziellen Vorteile bringt. Es gibt weder Ausschüttungen noch sonstige Bezüge aus den Erträgen oder dem Kapital der Burgergemeinde. Das war in längst vergangenen Zeiten, als es den sogenannten Burgernutzen noch gab, wohl anders. Die Burgergemeinde ist heute vielfältig durchmischt. Sie unterstützt oder finanziert Angebote wie etwa die Stadtbibliothek, damit sie von Menschen aller sozialen Schichten kostengünstig genutzt werden kann. Auch in der Kultur- und Sportförderung ist die Burgergemeinde sehr engagiert. Christoph Bürgi: Stefan Liechti hat recht. Die Burgergemeinde verwaltet ein grosses Erbe zugunsten der Allgemeinheit. Individuelle Bereicherung daraus gibt es nicht. Ergänzend möchte ich aber noch einen anderen Gedanken ins Spiel bringen: Ich bin überzeugt, dass Burgergemeinden, wie sie heute agieren, geradezu modellhaft ein zukunftsfähiges und vor allem nachhaltiges Wirtschaften vorleben. Das Modell heisst «gemeinschaftliches Eigentum» und «nachhaltiger Umgang mit Gemeingütern». Elinor Ostrom, immerhin Nobelpreisträgerin für Ökonomie, vertritt die Meinung, dass gemeinschaftlich genutzte Ressourcen wie etwa Wälder, Boden oder Fischbestände gerade in selbstorganisierten Gruppen nachhaltig und nicht zwangsläufig zerstörerisch genutzt werden können. Voraussetzung dafür sind einige wenige Regeln, die eingehalten werden müssen. Ohne hier ins Detail gehen zu können, widerlegt Elinor Ostrom die verbreitete Annahme, dass gemeinschaftliches Eigentum, wie früher die Allmende, per se zu Missbrauch führt, wenn die Organisation und die institutionellen Bedingungen stimmen. Ich halte dies in der heutigen Zeit und als Inspiration für kommende Generationen für einen sehr interessanten Ansatz, der sich in den Leitgedanken der Burgergemeinde bereits widerspiegelt. Die Burgergemeinde ist also kein Auslauf-, sondern vielmehr ein Zukunftsmodell: Wirtschaften jenseits von kurzfristiger Gewinnmaximierung und gemeinschaftliche Nutzung von gemeinschaftlichem Eigentum. Und ganz wichtig: Nachhaltiger, langfristig gedachter Umgang mit allen Ressourcen zugunsten der nachfolgenden Generationen. Das ist doch das Gebot der Stunde im 21. Jahrhundert.
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